LA CASA MULINERA

Sie ist eine alte Dame, die Müllerin. Und sie hat viel gesehen und durchgemacht in ihrem Leben. Aber jetzt hat sie Ruhe und Frieden gefunden. Wie alt sie ist, weiss niemand so genau, sicherlich aber mindestens 200 Jahre. Die unteren beiden Stockwerke sind sogar noch älter. Irgendwann später wurde eine Etage ergänzt. Man kann dies an der Holzfassade im neuen Wohnzimmer sehen. Die unteren Balken sind noch handgeschlagen und viel dunkler als die oberen, die schon maschinell bearbeitet wurden. Bis vor ca. 40 Jahren haben die Bauern noch ihr Korn zum Mahlen gebracht. Teile des Mahlwerks sind im Keller noch sichtbar. Dort, wo heute das grosse Badezimmer steht, war früher das Mühlrad untergebracht. Nachdem die Mühle stillgelegt wurde, hat noch lange eine alte Frau alleine im Haus gewohnt. Danach stand sie jahrelang leer, bis eines Tages Maurus sie gekauft hat. Er wollte ihr, durch den Umbau in ein Ferienhaus mit Museum, eine neue Funktion und neues Leben einhauchen. Aber bis es soweit kam, musste viel getan werden.

Wie verhilft man einer alten Dame zu frischem Glanz, ohne ihren Charme zu verlieren?

Schnell war klar, dass wir ihr Gesicht so belassen wollten wie es ist. Das Haupthaus sollte in Form und Einteilung bestehen bleiben und nur unauffällig renoviert werden. Die Fenster sind neu, aber gleich gross geblieben und wie die früheren mit Sprossen versehen. Die Isolation wurde innen angebracht, damit die Fassade original erhalten bleiben konnte. Die Einteilung der Zimmer und deren Grösse ist genau gleich geblieben, lediglich in der Stiva haben wir eine kleine Zwischenwand entfernt und die oberen Zimmer zum Dach hin geöffnet. Die maroden Anbauten hingegen ( Eingang, Mühle und Schuppen), wollten wir neu gestalten und nötige Funktionen für die neue Lebensaufgabe der Mulinera darin unterbringen. Das Neue optisch an den Bestand anzupassen hätte nicht funktioniert, man würde immer einen Unterschied erkennen. Also haben wir uns entschieden, genau das Gegenteil vom Bestand zu bauen. Aus dunkel wird hell, aus klein gross, aus horizontal vertikal, mit Sprossen ohne Sprossen, mit Läden ohne Läden usw.

Durch die Gegensätzlichkeit betont das Neue das Alte und umgekehrt.

Die Form für die neuen Anbauten jedoch haben wir nicht willkürlich gewählt, sondern bei alt bekanntem gespickt. So ist zum Beispiel die Scaffa mit dem angeschlossenem Balkon, knapp unter dem Dach schwebend, oft bei alten Bauernhäusern in Graubünden anzufinden. Nur war der Nutzen ursprünglich ein anderer, damals war dies die Toilette!

Für die beiden anderen Anbauten haben wir uns von alten Eckpfeilerscheunen inspirieren lassen. Diese Bauten haben zwischen den Stützen die das Dach tragen, grosse, mit Holz verkleidete Flächen. Die Holzflächen lassen Luft und Licht ins Innere der Scheunen dringen und sind oft durch verspielte Schnitzereien verziert. Im Inneren der Mulinera haben wir uns bei der Gestaltung vom Bestand leiten lassen.

Alles, was alt und schön war, haben wir herausgeputzt und neu in Szene gesetzt.

Altes Täfer und Holz wurde zwar entfernt, aber hinterher wieder eingebaut. Auch die Küchenmöbel wurden aus altem Holz aus dem Haus gefertigt. Die Aussenwand mit dem kleinen Fensterchen ist noch original vom Russ geschwärzt, da man früher in der Küche immer auf offenem Feuer gekocht hat. Die restlichen Wände mussten wir sanieren, haben sie aber aus diesem Grund ebenfalls schwarz gestrichen. Die Küche selbst besteht wie früher aus vielen unterschiedlichen Einzelelementen. Das Waschbecken war ursprünglich im Keller eingebaut. Die Möblierung stammt grösstenteils aus dem Haus, wurde renoviert und wieder eingestellt. Das Stubentäfer stammt aus einem alten Bauernhaus in Falera, hat jahrelang auf einem Dachboden geschlummert und wurde jetzt nach Originalplänen in die Mulinera eingebaut. Der grosse Tisch diente einst der Bank von Brigels für wichtige Besprechungen, und die Stühle haben schon so manchen Gast in einer sursilvanischen Gaststätte bewirtet. Das Kornblumengeschirr war früher in bäuerlichen Haushalten weit verbreitet und wurde von uns und vielen befreundeten Sammlern über die Jahre zusammengetragen.

Natürlich ist es keine Zufall, dass die Gäste zum Baden in den Bach hinunter geschickt werden. Auch wenn die Funktion des hinteren Anbaus früher eine andere war, was sonst wäre dort besser aufgehoben gewesen als ein grosses Badezimmer. Die Steinplatten mit denen Wände und Boden in den Bädern belegt sind, wurden aus Findlingen geschnitten, die einst der Gletscher nach Brigels gebracht hat. Es gäbe noch viele alte Geschichten über sie zu erzählen, aber vielleicht schlägt die alte Müllerin mit ihren neuen Freunden jetzt ein neues Kapitel auf und neue Geschichten werden geschrieben.

Uns jedenfalls ist die alte Dame sehr ans Herz gewachsen, haben wir doch so viele Stunden mit ihr verbracht, über sie diskutiert und gestritten und gelacht. Am liebsten würden wir ja selbst hier wohnen, aber ihre Aufgabe ist eine andere, nämlich: eine gute Gastgeberin sein.

Herzlich Willkommen in der Casa Mulinera
und habt Sorge zu der alten Dame!

Mulinera